Fliegen unter arktischen Bedingungen

Presseberichte - Münsterländische Volkszeitung

Täglich vor Beginn des Flugbetriebes überprüft der Offizier unter anderem die Platzbedingungen und berät den Leiter des Flugbetriebes bei der Planung der anstehenden Flüge. Das anhaltende Winterwetter erschwert zwar den Flugbetrieb, geflogen wird jedoch trotz der widrigen Umstände. Auch die 15 Zentimeter Neuschnee vom Wochende bringen den Flugbetrieb in diesen Tagen nicht zum Erliegen.
„Winterliche Bedingungen finden wir regelmäßig auch bei unseren Auslandseinsätzen auf dem Balkan und in Afghanistan“, erläutert der FSO.

Die Bodenverhältnisse sind dabei zweitrangig für die Heeresflieger, da die eingesetzten Hubschrauber nicht wie Flugzeuge zum Starten eine Rollbahn benötigen. Zum Abheben benötigt die CH53 nur eine geräumte Fläche von 20 mal 20 Metern. Dennoch war der platzeigene Flugbetriebsunterstützungszug mit 20 Personen über das Wochenende rund um die Uhr im Einsatz. Hallenvorfelder, Rollwege und Landeplatz wurden von Eis und Schnee befreit. Zum Räumen wird neben dem üblichen Material wie Schneepflug und Kehrmaschine, auch ein Kehrblasgerät eingesetzt. Mit diesem Gerät wird in einem Arbeitsschritt zunächst der Schee geräumt und anschließend die Fläche sofort getrocknet. Damit wird ein erneutes Vereisen der gerade geräumten Flächen verhindert. Die für die sichere Abwicklung des Flugverkehrs erforderlichen unzähligen Leuchten der Flugplatzbefeuerung müssen ebenso wie die überall bereitgestellten Feuerlöschanlagen, aufwendig von Hand von der weißen Pracht befreit werden.

„Der Einsatz von chemischen Vereisungsschutzmitteln wird äußerst restriktiv gehandhabt“, informiert Schwarzer, der über Jahre hinweg auch als Umweltschutzbeauftragter des Heeresfliegerregimentes tätig war. Sollte aufgrund der Prognosen des standorteigenen Wetterdienstes mit vermehrtem Schneefall gerechnet werden, kann der Leiter des Flugbetriebs den präventiven Einsatz des Vereisungsschutzmittels anordnen. Diese Chemikalie wird auf die benötigten Flugbetriebsflächen ausgebracht und verhindert das Gefrieren des Niederschlags. Der Einsatz dieser Mittel beschränkt jedoch grundsätzlich auf die wichtigsten Flächen, welche alle über eine entsprechende Drainage zum Auffangen des Sickerwassers verfügen. Die restlichen Flächen und Rollwege werden nur geräumt und gegebenenfalls mit Sand gestreut.

Die größte Herausforderung für die Piloten im Winter stellt neben den eisigen Temperaturen die oft eingeschränkte Sicht da. „Man fliegt plötzlich in eine weiße Wand“, berichtet Schwarzer. Ab Sichtweiten unter 1500 Metern ist daher kein regulärer Flugbetrieb mehr möglich. Gerade junge unerfahrene Piloten stellt die durch Eis und Schnee völlig veränderte Landschaft, vor Probleme. Ganze Seen, Straßen und Bahnstrecken sind unter dem weißen Mantel des Winters verschwunden und führen bei Sichtflügen zu Schwierigkeiten. Ohne die sonst zum Navigieren benutzen Landmarken fällt den Besatzungen die Orientierung wesentlich schwerer.

Bei Landeanflügen von Hubschraubern auf schneebedeckte Landefelder tritt in der Endphase eine plötzliche, starke Sichteinschränkung durch den aufgewirbelten Schnee auf. Dieses „Whiteout“ genannte Phänomen stellt bei der Landung unter Sichtflug ein erhebliches Gefahrenpotential da. Der Pilot verliert die Orientierung über seine Fluglage und Flughöhe zum Boden. Der herumwirbelnde Schnee täuscht ihm eine Schräglage oder ein Abkippen des Hubschraubers vor - das kann zu Unfällen führen. Das Fliegen mit Hilfe der bordeigenen Instrumente ist im Winter aufgrund der tiefen Temperaturen auch nicht immer problemlos. „Eine Vereisung des Staurohres muss auf jeden Fall verhindert werden“, klärt Schwarzer als erfahrener Pilot auf. Dieser Sensor ermöglicht die Ermittlung der Geschwindigkeit und liefert dem Luftfahrzeugführer eine der wichtigsten Informationen zur Beurteilung der Fluglage. Neben dem Staurohr sind auch die Cockpitscheiben und die Einlässe der Triebwerke der CH53 mit einem Vereisungsschutz ausgestattet. Alle Hubschrauberbesatzungen werden vor Beginn des Winters durch ausführliche Unterrichte und Einweisungen auf die besonderen Herausforderungen des Winterflugbetriebes vorbereitet.

von Werner Cavalleri (Gastredakteur MV)