Fliegen unter Beschuss
Presseberichte - Münsterländische Volkszeitung
„Unser Einsatz findet in einem immer bedrohlicher werdenden Umfeld statt“, bestätigt Oberst Werner Salewski, Kommandeur des mittleren Transporthubschrauber-Regimentes 15 „Münsterland“. Nach Treffern an den Waffensystemen am Boden werden jetzt auch Hubschrauber getroffen.
Der Norden Afghanistans ist zur Kampfzone geworden. Zahl und Intensität der Gefechte nehmen zu. Die „heißen Zonen“ sind für die deutschen Heeresflieger keine „no go areas“: Sie kommen zum Einsatz, wenn bei den Kämpfen verletzte Soldaten aus der Gefahrenzone evakuiert werden, um schnellstmöglich medizinisch behandelt zu werden.
MedEvac heißt diese Aufgabe, die die Deutschen im Norden Afghanistans erst kürzlich an die Amerikaner übergeben haben. Statt CH53-Hubschrauber der Bundeswehr fliegen jetzt amerikanische Black Hawk-Hubschrauber die Masse dieser „Missions“ im Raum um Kunduz und Masar-e-Sharif. Doch auch die deutschen Heeresflieger steuern weiterhin die „heißen Zonen“ an.
Oberst Salewski und sein Führungsteam in der Theodor-Blank-Kaserne in Bentlage haben die Ausbildung auf die „neue Lage“ im Norden Afghanistan ausgerichtet.
Ein Novum ist das Einsatz-Nachbereitungsseminar für Besatzungen, die unter Beschuss geraten sind.
Mit der Hilfe eines Spezialisten rekapitulieren die Besatzungsmitglieder aus Bentlage und dem Schwester-Regiment im schwäbischen Laupheim noch einmal die Beschuss-Situation in Afghanistan. Der Experte, ein ausgebildeter Hubschrauberpilot und Diplom-Psychologe, schaut darauf, wie das Team in der Gefahr reagiert hat: Führungsverhalten, Teamwork, Kommunikation, Stressmanagement, Risikobewertung, Konfliktlösung und Sicherheitskultur an Bord des Hubschraubers werden analysiert.
„Wir wollen die Situation genau aufarbeiten. Wir wollen wissen, was wirklich passiert ist, wie das Verhalten innerhalb der Crew war. Ebenso sollen die Vorschläge der Besatzungsmitglieder aufgenommen werden. Was ist zu verbessern? Müssen wir Verfahrensabläufe im Cockpit ändern? Müssen Absprache-Verfahren verbessert werden? Gehören fliegerische Verfahren auf den Prüfstand?“, macht der Kommandeur der „15er“ die Zielsetzung der Nachbereitung in der Heimat deutlich.
Zum Ende des Jahres sollen die Ergebnisse aus diesen Seminaren in die Weiterbildung des fliegerischen Führungspersonals aufgenommen werden. „Das Führungspersonal vor Ort, das die Besatzungen einteilt, muss wissen, was in einer Besatzung in solchen Beschuss-Situationen vorgeht“, sagt Salewski.
In Teilen ist die Ausbildung der „neuen Lage“ bereits angepasst worden. Im Simulator an der Heeresfliegerwaffenschule im niedersächsischen Bückeburg wird jetzt eine Sequenz „Beschuss durch Handfeuerwaffen“ eingespielt. „Bisher haben wir die Besatzungen im Simulator mit dem technischen Ausfall von Instrumenten konfrontiert. Jetzt steuern wir die Erfahrungen der Kameraden aus Afghanistan ein. Wie reagieren die Crews bei Ausfall technischer Komponenten aufgrund von Beschuss?“, erläutert Salewski.
Manchmal reagieren die Instrumente auch gar nicht. Wenn zum Beispiel die Außentanks der CH 53 GS getroffen werden, leuchten im Cockpit gar keine Lampen. Eine Crew hat diese Erfahrung gemacht. Der Spritverbrauch des Hubschraubers steigt, obwohl den Triebwerken nicht mehr Leistung abverlangt wird. „Erst nach der Landung am Boden haben unsere Männer die Ursache festgestellt: Kugeln hatten Lecks in die Tanks gerissen.“
Zudem wird bei der nächsten Übung auf dem Truppenübungsplatz und bei der nächsten Hochwertausbildung auf dem Übungsplatz in Sardinien ein neues Gefechtsbild „eingebaut“: Verhalten der Crew nach einer ungeplanten Landung im feindlichen Terrain. „Wer macht was? Das muss standardisiert ablaufen“, sagt der Kommandeur der Bentlager Heeresflieger.
Letztlich muss auch die Frage geklärt werden, unter welchen Bedingungen der notgelandete Hubschrauber unbrauchbar gemacht werden muss. Wesentliche Änderungen am Fluggerät wird es wohl nicht geben. „Viele Verbesserungen kommen ja mit der CH 53 GA, die ab 2012 nach und nach dem Regiment zugeführt werden“, sagt Salewski. Allerdings werde immer daran gearbeitet, die eine oder andere Schutzkomponente zu verbessern. Allerdings: „Ein Hubschrauber ist kein Panzer. Je schwerer er wird, desto weniger kann er laden“, sagt Salewski.
Last but not least müsse die Technik ein Konzept für ein sogenanntes Air Battle Damage Repair entwickeln. Soll heißen: Es sollen Richtlinien für einen Flugbetrieb in der Konfliktregion gefunden werden, die weniger rigoros sind als die Richtlinien für das Fliegen unter „friedensmäßigen Bestimmungen“. Bei der Bundeswehr gibt es daher nicht wenige, die fordern, dass auch ein durch Beschuss beschädigter, aber technisch einwandfreier Hubschrauber, im Einsatzraum nicht am Boden bleiben muss, wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen. Unterm Strich wartet viel Arbeit auf die Ausbilder im Heeresfliegerregiment in Bentlage. Wenn der Wehrbeauftragte die „schlechte Ausbildung“ bei der Bundeswehr anprangere, weißt Salewski das für sein Regiment zurück. „Das gilt nicht für uns“, sagt der Kommandeur selbstbewusst.
VON MATTHIAS SCHRIEF (Fotos von Sven Rapreger)
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